Was ist Mehrsprachigkeit?

“Zwei Kultursprachen, die zur gleichen Zeit als Erstsprache angeeignet wurden, die ausgewogen bzw. gleichmässig perfekt benutzt werden und die täglich bei verschiedenen und häufigen Gelegenheiten gesprochen werden.“ (Lüdy & Py 2013, übersetzt aus dem Französischen)

Vor einigen Wochen inspiriert durch die Postkarte des EU-Projektes “language diversity”, hatte ich darüber geschrieben, wie sich die Meinungen und besonders das wissenschaftliche und politische Denken über Mehrsprachigkeit geändert haben. Heute möchte ich mit euch darüber reden, wie die meisten Mehrsprachigkeit definieren und warum diese Definition,  meiner Meinung nach, dem Phänomen der Mehrsprachigkeit nicht gerecht wird.

Wie die Allgemeinheit Mehrsprachigkeit definiert

Das Zitat ganz zu Anfang finde ich treffend, um zu zeigen, wie die meisten Menschen in Europa Mehrsprachigkeit verstehen. Jemand, der in einem Land grossgeworden ist, das darauf aufbaut ein Nationalstadt zu sein und in dem nur eine genormte Standardsprache gesprochen und gelernt wird, kann keine eigenen Erfahrungen sammeln und wird meistens nur in Kontakt mit Menschen kommen, die zwei Sprachen sprechen, weil sie aus einem fremden Land stammen und neben ihrer eigenen Sprache, die Sprache des Ankunftslandes gelernt haben. Erwachsene Migranten werden meistens immer an ihrer Aussprache erkannt. Aber deren Kinder überraschen dadurch, dass sie die Sprache ihrer Eltern und die der Nachbarschaft problemlos sprechen und man Ihnen die Kenntnisse der zweiten Sprache nicht anhört. Einfach gesagt, sie sprechen beide Sprachen als wären es ihre Muttersprachen.

Aus dieser Perspektive gesehen stimmt die zitierte Definition, aber für mich als jemand, der immer mit mehreren Sprachen in der Familie konfrontiert wurde, war diese Definition immer etwas komisch.

Wer ist betroffen?

Die erste Anmerkung, die ich machen möchte, ist das Sprachen, die keine geschriebenen Kultur- und Standardsprachen sind, von der Mehrheit nicht wahrgenommen werden. Dies verändert sich durch die europäisch Charta zum Schutz der Minderheitensprache und regional begrenzte Sprachen, werden vermehrt wahrgenommen. Es gibt also Regionen innerhalb eines Landes, in denen zwei Sprachen existieren und von der gleichen Person gesprochen werden.

Also sind nicht nur ausländische und prestigeträchtige Standard- bzw. Kultursprache die Grundlage von Mehrsprachigkeit und eine Person kann mit mehreren Sprachen aufwachsen, ohne dass diese Person ausländische Vorfahren oder Verwandte hat. Dieses Phänomen nennt man autochthone (einheimische) Mehrsprachigkeit.

Ein schwer erreichbares Ideal?

Wer von euch kann seine Muttersprache sprechen ohne einen einzigen Fehler zu machen oder ohne ab und zu nach einem Wort zu suchen, das euch nicht einfällt? Ich würde sagen, dass die wenigsten mit ja antworten werden, aber trotzdem wird euch keiner sagen, dass ihr zwar sehr gut sprecht und eine Kommunikation mit euch problemlos möglich ist, aber weil ihr halt kleine Fehler macht oder eine Aussprache habt, die nicht wie die der anderen ist, sei eure Muttersprache nicht eure Muttersprache. Also warum wird Mehrsprachigkeit oft so definiert, dass man mindestens zwei Sprachen fehlerfrei und mit einer perfekten Aussprache beherrscht?

Es gibt viele Migranten, die erst als Schulkinder, Jugendliche oder Erwachsene in ein fremdes Land ziehen und eine fremde Sprache lernen. Darunter gibt es viele, die problemlos und so gut wie fehlerfrei kommunizieren können, aber eine Aussprache mit Akzent haben und behalten.

Das offensichtliche Anzeichen ihrer Herkunft (die unübliche Aussprache) wiegt in diesem Fall mehr, als einen fehlerfreien und lückenlosen Satzbau oder eine korrekte Grammatik. Anders herum kann jemand mit einer korrekten Aussprache kaschieren, dass ihm Teile des Wortschatzes fehlen oder komplizierte grammatikalische Phänomene Probleme bereiten. Er vermeidet einfach Situationen, in denen er diese benötigen würde.

Und nun?

An dieser Stelle wird es Zeit ernsthaft zu überlegen, wie man Mehrsprachigkeit definiert. Dennoch sehe ich eher, warum die oben genannte Definition nicht stimmig ist, aber nicht wie eine neuere und gerechtere Definition aussehen könnte. Der einzige Parameter, über den wir nicht diskutieren müssen, ist, dass Mehrsprachigkeit eine Koexistenz von mindestens zwei Sprachen ist. Aber welche Sprache? Können nur Personen mehrsprachig sein oder auch Gesellschaften und Länder? Ist ein Deutschschweizer, der Hoch- und Schweizerdeutsch spricht, oder ein Ostfriese, der Hoch- und Niederdeutsch spricht mehrsprachig? Wie viel muss man über eine Sprache wissen und wie gut muss man eine Sprache beherrschen um mehrsprachig zu sein? Wie wichtig ist eine korrekte Aussprache? Darf sie anders klingen, solange man die Person gut verstehen kann oder darf man die Herkunft nicht an ihrer Aussprache erkennen?

Ich möchte mit euch Antworten auf diese Fragen finden. Schreibt mir doch bitte eure Meinung in die Kommentare. Ich freue mich darauf, euch zu lesen. Also ab an die Tastatur, fertig, los 😀

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4 Kommentare

  1. myriam

    Hi Anna,
    für mich ist Mehrsprachigkeit an Personen gebunden. Ich definiere das so: 1 Person die faehig ist mehr als eine Sprache vernünftig zu sprechen. Das muss nicht unbedingt akzentfreifrei sein, aber zumindest recht gut und verstaendlich. Ich selbst war gezwungen mehrere Sprachen zu lernen, was schon einen Vorteil hat, doch hier in unserem speziellen Fall auch sehr grosse Nachteile hat. Es waere wuenschenswert, dass jeder zumindest eine 2. Sprache sprechen kann, ohne die eigene zu vernachlässigen.

    • Anna-Schwab

      Danke, dass du den Anfang gemacht hast 🙂

      Welche Nachteile hat/hatte Mehrsprachigkeit für dich?

  2. Moin Anna,

    für mich ist Mehrsprachigkeit sowohl an Personen wie auch an Bevölkerungsgruppen gebunden. Im friesischen gibt es ja nun die friesische, die plattdeutsche und die hochdeutsche Sprache. Alle drei sind vom Gesetz her Sprachen und somit gleichwertig als Mehrsprachigkeit anzusehen. Wenn du vor einem Gericht aussagt kannst du das sowohl auf hochdeutsch wie auf plattdeutsch machen. Es sind somit keine Dialekte sondern offiziell anerkannte Sprachen. Mehrsprachig also. Das wichtigste ist die Verbundenheit zur Kultur für mich. Wenn die plattdeutsche Sprache einmal verloren gehen sollte fällt ein ganzes Kulturgut und Identifikation weg.
    Mehrsprachichkeit ist auch immer ein Stück Identifikation zur eigenen Kultur und zur Geschichte der jeweiligen Sprache.
    Persöhnlich spreche ich lieber plattdeutsch und verfalle im Hochdeutschen auch oft ungewollt ins plattdeutsche. Dann wenn jemand mit mir platt anfängt sowieso.
    Ich bezeichne den Ostfriesen oder auch den Saterfriesen gerade darum schon als mehrsprachig. Der Saterfriese spricht gleich drei Sprachen und kann direkt umschalten. Einmalig und beeindruckend.
    Liebe Grüsse Siegi.

  3. Reto Gmuer

    Also nach ISO Norm ist eine Person mehrsprachig, wenn er oder sie mehrere Sprachen so sprechen kann, dass mindestens die hälfte der Muttersprachler der jeweiligen Sprache nach einer Konversation von 5 Minuten nicht ausschließen, dass die jeweilige Sprache die Muttersprache dieser Person ist.

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